Hallo an Alle,
falls noch nicht bekannt, hier ein Artikel im Spiegel aus 50/1965:
SCHULPFORTA
Knaben im Coenakel
SCHULEN
Moritz von Sachsen gründete das Institut vor 422 Jahren, "damit es mit der Zeit an Kirchendienern und anderen gelahrten Leuten in unserem Lande nicht Mangel gewinne".
Goethe besang das ehemalige Kloster im Saaletal als "die Pforte, die ins weite Leben führt". Und der Westdeutsche Rundfunk pries die sogenannte Fürstenschule Schulpforta unlängst in einer Gedenksendung als eine Stätte "geradezu legendären Rufes in aller Welt".
Tradition und Geist dieser legendären Bildungsanstalt im provinz-sächsischen Pforta sowie dreier weiterer früherer Fürstenschulen sollen nunmehr im Westfalenland neu belebt werden: In Meinerzhagen am Fuße des Ebbegebirges im Sauerland werden zur Zeit die Mauern für eine "Evangelische Landesschule zur Pforte" hochgezogen, in der am 1. September 1967 mit zunächst drei Klassen - Untertertia, Obertertia, Untersekunda - und sechs Lehrern der Unterricht aufgenommen werden soll.
Träger der Internatsschule ist die Evangelische Kirche von Westfalen, Bau-Finanzier das Land Nordrhein-Westfalen. Es gibt zehn Millionen für das 13,6-Millionen-Projekt.
Das neue Schulpforta soll zwar - wie der künftige Rektor, Gymnasialprofessor Dr. Christian Hartilch, 58, aus Dettenhausen bei Tübingen, erläutert - keine "Kopie" der alten Pforte sein. Und Hartlich glaubt auch, daß "das junge Volk, das in Bälde den Berg von Meinerzhagen bevölkern wird", dem "leblosen Traditionalismus gegenüber die nötigen Korrekturen anbringen" werde. Doch wird es wie in der alten Pforte auch in der neuen eine "Agora" (Wandelhalle) und "Coenakel" (Speiseräume) geben. Als "Schlafsaalinspektoren" oder "Stubeninspektoren" eingesetzte Schüler werden ihre Kameraden beaufsichtigen. "Wocheninspektoren" sollen für die "Pünktlichkeit des Tagesablaufs und für die Ordnung" im Internat sorgen. Und Vorsitzender des höchsten Gremiums der Schülerselbst-Verwaltung, der "Inspektoren -Versammlung", wird der "primus omnium" sein.
Diese Verteilung der Verantwortung ist Bestandteil der Schul-Tradition, seit der lutherische Herzog Moritz von Sachsen 1543 in zuvor säkularisierten Klöstern Fürstenschulen einrichtete. In humanistischchristlichem Geist und bei klösterlich-strenger Zucht sollten die drei Fürstenschulen in Pforte im Saaletal, St. Augustin in Grimma und St. Afra in Meißen eine geistige und geistliche Elite heranziehen, was die bestehenden Klosterschulen und städtischen Lateinschulen angesichts der steigenden Bildungsansprüche damals nicht mehr vermochten. Die vierte Fürstenschule wurde 1607 von dem Hohenzoller Joachim Friedrich im brandenburgischen Joachimsthal gegründet. Aus ihr ging später das Joachimsthalsche Gymnasium in Templin hervor.
Teils rekrutierten sich die Fürstenschüler aus staatlich geförderten Stipendiaten, teils aus "Kostknaben", die für ihren Lebensunterhalt selbst aufkommen mußten.
Elite-Anstalten blieben die Fürsten- oder Landesschulen bis ins 20. Jahrhundert. Der Kirchenlied-Verfasser Paul Gerhardt, die Dichter Klopstock und Lessing, die Philosophen Fichte und Nietzsche, der Historiker Leopold von Ranke und der Stratege von Schlieffen wurden in Fürstenschulen erzogen.
1935 nahmen die Nazis einen Homosexuellen-Skandal in Schulpforta zum Anlaß, die Pforte zu schließen. Nach dem Kriege öffnete der letzte Schulpforta-Direktor Dr. Habenstein sie noch einmal vorübergehend, um die Schule - von deren Zöglingen heute noch 500 leben - "im alten Geist zu erneuern". 1951 machte DDR-Chef Ulbricht sie endgültig dicht.
Zur Aufzucht einer Elite nutzten freilich auch die Kommunisten die Gemäuer des ehemaligen Zisterzienser-Klosters - wie zuvor die Nationalsozialisten. Die Braunen richteten dort eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt (Napola) ein, die Roten eine sozialistische Heimoberschule für Funktionäre der Jugendorganisation "Junge Pioniere".
Fürstenschüler Klopstock, Fichte, Schlieffen: Der Inspektor kommt ...
... auf den Berg in Bälde: Fürstenschule Schulpforta
